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#38 Féerie des totems
von Amadou Seck

1986. Tuschezeichung auf Papier

Der senegalesische Künstler Amadou Seck (* 1950 in Dakar), der vor allem für seine Malerei bekannt ist, war darüber hinaus auch ein hervorragender Zeichner, wie seine hier zu sehende fantasievolle Zeichnung eines „Wunderlandes“ verdeutlicht. Seck, der ab dem Alter von 15 Jahren an der École Nationale des Arts unter Pierre Lods studierte, entwickelte frühzeitig einen persönlichen Stil, zu dessen Merkmalen flächige geometrische Masken und Figuren gehören. Gesamtheitlich basiert sein Œuvre auf Mythen und Symboliken, die üblicherweise mit westafrikanischen Gesellschaften verbunden werden. Seck gründete und leitete in den 1970er Jahren eine Künstlervereinigung und war darüber hinaus für seine produktive Zusammenarbeit mit anderen zeitgenössischen Künstlern bekannt.  So widmete er das hier zu sehende Werk William Sagna, einem weiteren senegalesischen Maler, der auch für sein Talent als Athlet und Model bekannt war, für ihre „Communion en vue d’une belle moisson, d’une belle oeuvre commune” (Gemeinschaft hinsichtlich einer guten Ernte und ihre schöne gemeinsame Arbeit).


Dieses einfarbige Werk enthält eine Vielzahl von Secks Markenzeichen im Hinblick auf stilistische und inhaltliche Gestaltung. Verschiedene Einzelfiguren umgeben die mächtige zentrale Gestalt, deren gewundener, verdrehter Körper an keinen bekannten Organismus angelehnt ist, so dass ihre Zugehörigkeit zur phantastischen Sphäre deutlich hervortritt. Indem der Künstler auf das Mystische und die übernatürlichen Kräfte hinter „Totems“ und „Fetischobjekten“ anspielt, taucht er in die Welt des Unterbewussten ab, um abstrakte Formationen von Augen, Hörnern und Gliedmaßen abzubilden. Die Abwechslung von feinen Linien und schwarzen Tintenflächen lässt die Oberfläche gleichermaßen dekorativ und ungebändigt erscheinen.


Die geringe Tiefe der Ebene zwängt die flachen Wesen an die Oberfläche des Bildes, so dass sie zusammengedrängt erscheinen, obwohl sie zugleich ihre Distanz wahren: Keine der Figuren berührt je ihren Nachbarn. Diese komplexe Zeichnung zeigt somit auch, wie es Seck in der Nutzung von Raum und Arrangement zur Meisterschaft brachte. Seine Figuren ziehen unsere Blicke auf die Linien und Muster, die ihre Körper formen, während sie gleichzeitig nach außen hin zum Rand des Werkes verweisen. Ihre Körper setzen sich in jeder Richtung der Ebene fort und lenken den Blick des Betrachters über den Rand des Rahmens hinweg. Hierdurch weisen sie auf die Unendlichkeit der Vorstellungskraft hin oder deuten sogar die Existenz einer übernatürlichen Dimension neben unserer eigenen an.


Joseph L. Underwood
Assistant Professor für Kunstgeschichte, Kent State University
2017