Odm 39 Detail

#39 Parcours
von Fatima Hassan

Ohne Jahr, Druckgrafik

In schwarzer Farbe ist auf rechteckigem Velin eine Szene mit drei Figuren und maghrebinischer Architektur abgebildet. Zu sehen sind zwei Frauen mit heiteren Gesichtern. Eine hält ein Kind auf dem Schoß, die zweite schlägt lachend ein Tamburin. Die Architektur im Hintergrund kann als eine Mauer gedeutet werden, deren Spitze mit geometrischen Mustern verziert ist und die zusammen mit den ebenfalls verzierten Türen an den Seiten den Rahmen für diese figürliche Szene schafft. An der Mauer steht ein Baum, der in einer Linie mit den Gesichtern der Frauen das Heitere der Szene unterstreicht. Schauplatz mag ein kleiner städtischer Garten sein; er ist aber nicht abgeschlossen nach außen, vielmehr sind beide Türen leicht geöffnet. Die geschwungene Linienführung der Körperumrisse, aber auch der Architektur, greift den Rhythmus auf, den die Trommlerin vorgibt.

Fatima Hassan El Farrouj wurde 1945 in Tétouan geboren. 1965 nahm sie an einer Ausstellung des Salon des Artistes Indépendants in Casablanca teil. Als Autodidaktin begann sie mit Stickerei und anderen Textilformaten, zu denen bald schon Grafik, Malerei und plastische Arbeiten hinzukamen. Auch in ihren vielfarbigen und später großformatigen malerischen Arbeiten bleibt stets ein zeichnerischer Duktus prägend. Treffender als vom Oeuvre einer Autodidaktin zu sprechen, ist der Begriff einer erzählenden Kunst. Stets sind es narrative Bildinhalte, oft aus dem Alltagsleben in Rabat, die Fatima Hassan ihrer Kunst zugrunde legt. Die Malerei mit feinen und präzisen Bewegungen mutet wie volkstümliche Poesie für die Augen an.

2011 verstarb Fatima Hassan als anerkannte und geehrte Künstlerin. Wer mit den Arbeiten der Sammlung des Iwalewahaus und insbesondere den Druckgrafiken vertraut ist, dem fällt die formale Nähe von Parcours zu anderen Arbeiten ins Auge; die Ikonografie erinnert an Arbeiten der nigerianischen Oshogbo-Schule, ebenso wie an Grafiken der Autodidakten aus Papua-Neuguinea. In der Aufmachung als Mappenwerk entsteht eine Spannung zwischen dem volkstümlich anmutenden Motiv und der aufwendigen Verkaufsaufmachung. Das Ideal einer unverbildeten Künstlerin wird ebenso zelebriert, wie das Ganze sehr hochwertig für den globalen Kunstmarkt ausstaffiert wird. Wir erlauben uns, dies Drumherum als Verneigung vor einer wunderbaren Arbeit zu lesen.


Ulf Vierke
Iwalewahaus, 2018