ODM 57 _Erntefest (Detail) von Jivya Soma

#57 Erntefest (Detail) von Jivya Soma Mashe ohne Jahr. Indien Gouache auf braunem Packpapier

Soma Mashe gehört der indigenen Volksgruppe der Warli an, die im indischen Bundesstaat Maharashtra, etwa 150 Kilometer nördlich von Mumbai lebt. Überlieferungen von Geschichten und Mythen erfolgen in oraler Tradition oder in Bildform; eine Überlieferung in Schriftform existiert nicht. Bis Ende der 1960er Jahre wurden die sog. Warli-Malereien traditionell nur zu zeremoniellen Anlässen wie Hochzeiten oder Erntefesten von Frauen auf den mit Kuhdung und rotem Lehm (gheroo) präparierten Wänden ihrer Hütten aufgetragen. Mithilfe eines Bambusstabes und weißer Farbe aus Reispaste, Wasser und Gummiharz wird dann das Bild gezeichnet. Ein sparsam verwendetes, leuchtendes Rot als zweite Farbe wird als sindur bezeichnet, und ist der Scheitelbemalung verheirateter Hindu-Frauen entlehnt.

Zu Beginn der 1970er Jahre reiste der bei der Handicrafts and Handloom Corporation – gegründet von der Regierung zur Erhaltung traditioneller Kulturen – angestellte Maler Bhaskar Kulkarni in die Warli-Dörfer. Sein Versuch, die Frauen zur Anfertigung ihrer Malereien ohne zeremoniellen Anlass und die Übertragung dieser auf Papier zu bewegen, scheiterte. Jivya Soma Mashe begann als erster Mann diese Malereien nicht nur zu rituellen Anlässen, sondern täglich zu malen.

Die Darstellung in seinen Gemälden basiert auf dem traditionellen grafischen Vokabular aus Kreis, Dreieck und Quadrat. Diese Formen ergeben sich aus der Naturbeobachtung der Warli – der Kreis erschließt sich aus Mond und Sonne, das Dreieck aus Bergen und Bäumen. Mashes Figuren sind immer in Bewegung; Linien zwischen ihnen zeigen die Spuren und Pfade auf, die beim Gehen durch die Landschaft entstehen. Striche, Linien und Punkte tummeln sich auf dem Malgrund, sie vibrieren und verweben sich zu Kompositionen, die das Leben als Bewegung charakterisieren.

Soma Mashe wurde mehrfach national und international ausgezeichnet, unter anderem 2009 mit dem Prince Claus Award der Niederlande:„Jivya Soma Mashe wird geehrt für seine kreative Neuerfindung eines verschwundenen Kunstvokabulars, für seine lebendige Darstellung der Warli-Vision von Natur und Kultur im Gleichgewicht, für die Hervorhebung der zeitgenössischen Relevanz lokaler Wissensformen und für seinen bedeutenden Beitrag zur Kultur und Entwicklung der Stammesvölker.“

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Kuration
Sigrid Horsch-Albert